Psychologie in Erziehung und Unterricht

Zeitschrift für Forschung und Praxis

Herausgeber: Köller, Olaf / Lewalter, Doris / Saalbach, Henrik / Walper, Sabine

1. Auflage Heft 3, 2005.

€ [D] 58,00 / € [A] 59,70

Simone Mayer, Urs Fuhrer, Haci-Halil Uslucan:
Akkulturation und intergenerationale Transmission von Gewalt in Familien türkischer Herkunft
Acculturation and Intergenerational Transmission of Violence in Families of Turkish Background

2005, 168-185

Ausgehend von Prävalenzstudien, die eine deutlich höhere Gewalt in Familien türkischer gegenüber Familien deutscher Herkunft zeigen, widmet sich diese Studie den Fragen, ob Gewalt in türkischen Familien durch Transmissionseffekte bedingt ist und ob in Familien türkischer Herkunft die elterliche Akkulturation verstärkend auf die intergenerationale Transmission von Gewalt wirkt. Deshalb wird vermutet, dass elterliche Integration einen moderierenden Einfluss auf die Transmission familiärer Gewalt ausübt. Befragt wurden 206 türkische und 236 deutsche Schülerinnen und Schüler (mittleres Alter 13.8 Jahre) aus Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien der 7. Klassenstufe. Darüber hinaus wurden 135 Mütter und 117 Väter türkischer Herkunft sowie 179 Mütter und 152 Väter deutscher Herkunft befragt. Die empirischen Ergebnisse zeigen, dass sich die Transmission von Gewalt in Familien türkischer Herkunft deutlich zeigt und sich sogar über drei Generationen nachweisen lässt, während dieser Transmissionseffekt für deutsche Familien ausbleibt. Moderatoranalysen belegen, dass die Integration türkischer Mütter, aber nicht die der Väter, sowohl den Zusammenhang zwischen erfahrener elterlicher Gewalt der Mütter und der Anwendung mütterlicher Gewalt als auch den Zusammenhang zwischen mütterlicher und jugendlicher Gewalt moderiert. Es wird deutlich, dass sich die Transmission von Gewalt in türkischen Familien bei geringer Integration der Mutter über drei Generationen hinweg manifestiert. Interpretiert werden diese Befunde dahingehend, dass in türkischen Familien tradierte kulturelle Werte wie klare Autoritätsstrukturen und Gehorsam in der Erziehung sowie eine hohe familiäre Kohäsion besonders auch nach der Migration fortbestehen. Zudem haben Familien türkischer Herkunft die Aufgabe der Akkulturation zu lösen. So wird die kulturspezifische Weitergabe von Gewalt innerhalb türkischer Familien durch die Auseinandersetzung mit einer bikulturellen Orientierung beeinflusst und ist nicht unabhängig von der Integration türkischer Mütter.

Summary: Based on prevalence studies, which showed a higher rate of violence in Turkish families than in German families, the present study focused on both intergenerational transmission effects of experienced familiar violence through three generations and the moderation of these transmission effects by parental integration as a form of acculturation. Questionnaire data of 206 Turkish and 236 German adolescents (Mean age = 13.8) were used. Moreover, 135 mothers und 117 fathers of Turkish background and 179 German mothers und 152 German fathers were also asked to assess both experienced family violence and their acculturation status. The results revealed higher rates of intergenerational transmission of violence among Turkish families. The moderator analyses showed that the integration of Turkish mothers, but not of Turkish fathers, moderates the relationship between the experienced violence and use of violence in two generations. The results were interpreted as effects of both traditional cultural values, such as strong parental authority and children’s obedience against their parents, and a strong family cohesion within Turkish families which might be even strengthened in the acculturation process.

Keywords: Family violence, juvenile violence, acculturation, intergenerational transmission of violence

Deutsch Abstract (dt.) | PDF Volltext



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