Psychologie in Erziehung und Unterricht
Zeitschrift für Forschung und Praxis
Heft 4, 2005.
Am Anfang war der Ausdruck
At the Beginning was the Expression
2005, 229-249
Keywords: Emotionale Entwicklung, Emotionsregulation, nonverbale Kommunikation, Eltern-Kind-Beziehungen, Internalisierung
Die Frage, inwiefern Emotionen des Menschen eher durch sein biologisches oder sein kulturelles Erbe bestimmt sind, hat zu kontroversen Theorien geführt. Im Beitrag wird eine entwicklungsorientierte Theoriebildung vorgeschlagen, die diese kontroversen Positionen integrieren und damit der empirischen Forschung neue Wege aufzeigen kann. Ausgehend davon stellt der Autor eine kontextualistische Emotionstheorie vor: das Internalisierungsmodell der Emotionsentwicklung. Darin wird den emotionalen Ausdrucksreaktionen eine herausgehobene Vermittlungsfunktion in den Interaktionen zwischen Bezugsperson und Kind zugewiesen: Sie stellen die wesentlichen Mittel dar, mittels derer Bezugsperson und Kind insbesondere in der frühen Ontogenese kommunizieren, um ihre Tätigkeiten wechselseitig zu regulieren. Dabei lässt sich zeigen, dass viele Ausdruckszeichen nicht biologischen Ursprungs sind, sondern Produkt kulturgeschichtlicher Symbolbildungsprozesse, durch die Emotionen auch eine kulturspezifische Färbung annehmen.
Der Artikel beschreibt die ersten drei Phasen der Emotionsentwicklung und präsentiert dazu auch
eigene empirische Studien: (1) Aus den stereotypen Vorläuferemotionen des Neugeborenen entstehen
in den Bezugsperson-Kind-Interaktionen zeichenvermittelte Emotionssysteme des Kleinkindes.
Sie sind durch Ausdruckszeichen vermittelt, die für den jeweiligen kulturellen Kontext
adaptiv sind und darauf zielen, die Handlungen der Bezugspersonen auszurichten (interpersonale
Regulation). (2) Erst ab dem Kleinkindalter übernehmen Emotionen auch eine intrapersonale
Regulationsfunktion, nämlich die eigenen Handlungen motivdienlich auszurichten. (3) Ab dem
Grundschulalter können Ausdruckszeichen internalisiert werden, wodurch eine private Gefühlswelt
entsteht, die nicht mehr länger eng mit dem offenen Ausdruck korrespondiert.
Abstract (engl.) |
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