Riemann, Fritz

Grundformen der Angst

Mit einer Kurzbiographie von Ruth Riemann.

43. Auflage 2017. 250 Seiten. 1 Portraitfoto. Leinenausgabe mit Schutzumschlag und Lesebändchen.

(ISBN 978-3-497-01749-2) geb
€ [D] 19,90 / € [A] 20,50
(alle Preise inkl. gesetzlicher MwSt.)

Kurztext

Wer kennt nicht die Angst vor zu enger Bindung und die Angst vor dem Verlassenwerden? Wer hat nicht die Angst vor dem Ungewissen, aber auch die Angst vor dem Endgültigen durchlebt?

Riemann nennt sie die vier Grundformen der Angst und entwickelt daraus eine Charakterkunde mit vier Persönlichkeitstypen. Zu jeder Persönlichkeitsstruktur werden das Verhältnis zur Liebe und zur Aggression, der lebensgeschichtliche Hintergrund und typische Beispiele aufgezeigt.

Dieser Klassiker einer verständlichen Psychologie erreichte bislang eine Gesamtauflage von über 950.000 Exemplaren und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Inhalt

>Fritz Riemann: Eine Kurzbiographie von Ruth Riemann

Einleitung
Vom Wesen der Angst und von den Antinomien des Lebens

Die schizoiden Persönlichkeiten
Der schizoide Mensch und die Liebe
Der schizoide Mensch und die Aggression
Der lebensgeschichtliche Hintergrund
Beispiele für schizoide Erlebnisweisen
Ergänzende Betrachtungen

Die depressiven Persönlichkeiten
Der depressive Mensch und die Liebe
Der depressive Mensch und die Aggression
Der lebensgeschichtliche Hintergrund
Beispiele für depressive Erlebnisweisen
Ergänzende Betrachtungen

Die zwanghaften Persönlichkeiten
Der zwanghafte Mensch und die Liebe
Der zwanghafte Mensch und die Aggression
Der lebensgeschichtliche Hintergrund
Beispiele für zwanghafte Erlebnisweisen
Ergänzende Betrachtungen

Die hysterischen Persönlichkeiten
Der hysterische Mensch und die Liebe
Der hysterische Mensch und die Aggression
Der lebensgeschichtliche Hintergrund
Beispiele für hysterische Erlebnisweisen
Ergänzende Betrachtungen

Schlußbetrachtung

Zielgruppe

PsychologInnen, PsychoanalytikerInnen, PsychotherapeutInnen

Autoreninformation

Fritz Riemann, 1979 im Alter von 77 Jahren verstorben, war nach einem Studium der Psychologie und der Ausbildung zum Psychoanalytiker in Leipzig und Berlin Mitbegründer des Instituts für psychologische Forschung und Psychotherapie in München. Dort wirkte er als Dozent und Lehranalytiker und führte eine eigene psychotherapeutische Praxis. Seine Verdienste um die Psychoanalyse brachten ihm die Ehrenmitgliedschaft der "American Academy of Psychoanalysis" in New York.

Leseprobe

Die hysterischen Persönlichkeiten

Der Zauber des Neuen, der Reiz, Unbekanntes kennenzulernen, die Freude am Wagnis – sie gehören ebenso zu unserem Wesen wie der Wunsch nach Dauer und Sicherheit. Das Abenteuer lockt uns; ferne Länder üben eine Anziehung auf uns aus; wir kennen sowohl das Heimweh wie das Fernweh, die Sehnsucht nach vertrauter Geborgenheit wie nach Eindrücken und Erlebnissen, die den uns gewohnten Rahmen sprengen, uns bereichern, neue Seiten in uns ansprechen und uns wandeln. Wir suchen neue Menschen; es drängt uns, alle Möglichkeiten unseres Wesens kennenzulernen und auszuschöpfen, in mitmenschlichen Begegnungen uns zu weiten, zu reifen und vollständiger zu werden.

Damit kommen wir zur vierten und letzten Grundform der Angst, der Angst vor dem Endgültigen, Unausweichlichen, vor der Notwendigkeit und vor der Begrenztheit unseres Freiheitsdranges. Diese Angst ist das Spiegelbild der beim zwanghaften Menschen besprochenen Angst. Wenn der zwanghafte Mensch die Freiheit, die Wandlung und das Risiko scheute, geht es bei den nun zu schildernden hysterischen Persönlichkeiten um genau Gegensätzliches. Sie streben ausgesprochen nach Veränderung und Freiheit, bejahen alles Neue, sind risikofreudig; ihnen ist die Zukunft, die mit ihren Möglichkeiten offen vor ihnen liegt, die große Chance. Dementsprechend fürchten sie nun alle Einschränkungen, Traditionen und festlegenden Gesetzmäßigkeiten, die gerade die Werte für den zwanghaften Menschen waren. Wieder mit einem Sprichwort ausgedrückt: Sie leben nach dem Motto »einmal ist keinmal« – das heißt, nichts ist letztlich verbindlich und verpflichtend, nichts hat Anspruch auf ewige Gültigkeit. Für sie soll alles relativ, lebendig und farbig bleiben – nur die Gegenwart, der Augenblick ist wichtig. »Carpe diem« – »nutze die Gelegenheit«, vielleicht kommt sie nie wieder. Vergangenheit ist vergangen und interessiert nicht mehr; die Zukunft ist das weite Feld der Möglichkeiten; aber sie wird nicht eigentlich geplant – das wäre schon wieder zu viel Festlegung – sondern wichtig ist nur, daß man immer offen für sie ist, bereit, sich vom Gegebenen zu lösen.

Wie wird es nun aussehen, wenn man, in der Sprache unseres Gleichnisses, die zusammenziehende, konzentrierende Schwerkraft vernachlässigt, und überwiegend den Gegenimpuls der mittelpunktflüchtigen Fliehkraft zu leben versucht? Das würde bedeuten, daß man von Augenblick zu Augenblick lebt, nicht mit festen Plänen und klaren Zielen, sondern immer in der Erwartung von etwas Neuem, auf der Suche nach neuen Reizen, Eindrücken und Abenteuern, ablenkbar daher und verführbar durch den jeweils gerade vorherrschenden Reiz oder Wunsch, der sich außen oder innen anbietet. Vor allem braucht man das Gefühl der Freiheit, weil Ordnungen und Gesetzmäßigkeiten die Angst vor dem Festgelegtwerden, vor dem Nicht-ausweichen-Können konstellieren. Allgemein gültige, verbindliche Ordnungen werden vorwiegend unter dem Aspekt der Freiheitsbeschränkung erlebt, und daher, wenn möglich, abgelehnt oder vermieden. Die so erstrebte Freiheit ist mehr eine Freiheit von etwas als für etwas.

Was geschieht nun, wenn man gültige Spielregeln des zwischenmenschlichen Zusammenlebens, wenn man Natur- und Lebensgesetzlichkeiten nicht anzunehmen bereit ist? Dann lebt man wie in einer Gummiwelt, die scheinbar beliebig nachgiebig und willkürlich dehnbar ist, deren Ordnungen man letztlich nicht ernstzunehmen braucht, weil ja auch sie sich immer wieder verändern. In einer solchen Welt findet man immer ein Hintertürchen, um sich etwaigen Konsequenzen seines Handelns zu entziehen. Das Gesetz der Kausalität z. B., der Zusammenhang von Ursache und Wirkung, mag im Bereich der physikalischen Natur zutreffen – ich bin nicht bereit, ihn für mich anzuerkennen, und wer weiß, vielleicht gilt er gerade hier und heute nicht.

Natürlich muß man dann am meisten all das fürchten und wenn möglich meiden, was uns nun einmal unausweichlich festlegt und begrenzt: (...) das Altern und den Tod, aber auch Konventionen, Spielregeln aller Art, die sich ein Kollektiv für den mitmenschlichen Umgang geschaffen hat, Vorschriften und Gesetze. Wenn wir all das zusammenfassen: Man fürchtet am meisten die uns unvermeidlich begrenzenden Seiten des Lebens und der Welt, die wir als die Wirklichkeit, die »Realität« zu bezeichnen pflegen. Die Welt der Tatsachen also, an die wir uns anpassen, die wir hinnehmen müssen, aus der Erkenntnis unserer Abhängigkeit von Lebensgesetzlichkeiten.

Mit dieser Realität geht man nun recht großzügig um: Man stellt sie in Frage, man relativiert, bagatellisiert oder übersieht sie, man versucht sie zu sprengen, sich ihr zu entziehen und was es sonst noch an Möglichkeiten gibt, ihr auszuweichen, sie nicht anzuerkennen. Damit erlangt man eine Scheinfreiheit, die mit der Zeit immer gefährlicher zu werden pflegt, weil man so in einer unwirklichen, illusionären Welt lebt, in der es nur Phantasie, Möglichkeiten und Wünsche gibt, keine begrenzenden Realitäten. So lebt man mehr und mehr in einer Pseudorealität, in einer »unwirklichen Wirklichkeit«. Aber je mehr man sich von der Realität entfernt, um so mehr bezahlt man seine Scheinfreiheit damit, daß man sich in der »wirklichen Wirklichkeit« nicht auskennt, mit ihr nicht umgehen kann. Das führt dann dazu, daß die Versuche, sich doch mit ihr einzulassen, zu wenig gekonnt sind und daher enttäuschend verlaufen, woraufhin man sich noch mehr in seine Wunschwelt zurückzieht, und die Kluft zwischen Wunschwelt und Wirklichkeit immer größer wird – der Teufelskreis bei Menschen mit hysterischer Struktur.

(Auszug aus: Fritz Riemann: Grundformen der Angst. 33. Aufl., S. 156-158)