Dettenborn, Harry / Walter, Eginhard

Familienrechtspsychologie


2002. 352 Seiten. 11 Abb. 6 Tab.

UTB-L (978-3-8252-8232-5) kt
€ [D] 39,90 / € [A] 41,40 / SFr 50,50
Preis E-Book: € [D] 31,90

Kurztext

Wenn familiäre Konflikte vor Gericht gelöst werden müssen, ist psychologische Kompetenz für alle beteiligten Berufsgruppen unverzichtbar. Wie beurteilt man die Familienbeziehungen, die Bindungen zwischen Eltern und Kindern, die Erziehungsfähigkeit der Eltern, den Willen des Kindes? Wie wird man vor dem Hintergrund nüchterner rechtlicher Bestimmungen den Bedürfnissen und dem Wohl der einzelnen Familienmitglieder gerecht? Mit diesen Fragen befasst sich die Familienrechtspsychologie.

Das vorliegende Buch macht den Leser vertraut mit
  • den rechtlichen Grundlagen und
  • der psychologischen Tragweite
    einzelner Konfliktthemen wie Sorgerecht, Umgangsrecht, Adoption oder Herausnahme von Kindern aus der Familie. Es zeigt anschaulich, wie diese theoretischen Grundkenntnisse in die Praxis der Jugendhilfe, Verfahrenspflege, Beratung und Gutachtertätigkeit eingebracht werden können.
  • Inhalt

    Familienrechtspsychologie als Arbeitsbereich: Gegenstand - Fachliche Grundlagen - Das Spannungsfeld von Diagnostik und Intervention

    Theoriebausteine zur psychologischen Beurteilung: Konflikt - Beziehungen und Bindungen - Stresserleben und Coping bei kritischen Familienereignissen - Das Wohl des Kindes - Erziehungsfähigkeit

    Konfliktbehandlung im familienrechtlichen Bereich: Der Paradigmenwandel im Management von Parteienkonflikten - Das Vertrauensdilemma - Einwandbegegnung - Querulanz als spezifische Konfliktquelle

    Rechtliche Grundlagen, psychologische Problematik und Interventionsmöglichkeiten in den Anwendungsbereichen: Elterliche Sorge nach Trennung und Scheidung. Der Umgang mit dem Kinde. Sorgerechtsentzug bei Kindeswohlgefährdung. Die Herausgabe des Kindes. Die Adoption Minderjähriger. Verdacht des sexuellen Missbrauchs Anforderungen an nicht-juristische Beteiligte in familiengerichtlichen Verfahren

    Das vollständige und ausführliche Inhaltsverzeichnis können Sie sich als PDF-Datei herunterladen (mit Adobe Acrobat Reader, neueste Version, zu öffnen).

    Pressestimmen

    "Was mit dem Werk "Kindeswohl und Kindeswille" so begrüßenswert begonnen wurde, wird nun in dem vorliegenden Band von den beiden Autoren fortgesetzt. Dem Buch ist weite Verbreitung zu wünschen, da es den Autoren gelingt, eine Systematik der Familienrechtspsychologie zu entwerfen, die allen am familiengerichtlichen Verfahren involvierten Personen wertvolle Hinweise und Erkenntnisse für die Konfliktbearbeitung gibt."
    Kind-Prax

    "Den Autoren gelingt es hervorragend, der Komplexität der familiären Konfliktkonstellationen, der relevanten Einflussfaktoren sowie der potenziellen Wirkungen von familienrechtlichen Entscheidungen gerecht zu werden. Die rechtlichen und psychologischen Fragestellungen sowie die relevanten Beurteilungskriterien werden prägnant dargestellt. Die Notwendigkeit einer Gewichtung der Kriterien, die potentiellen Fehlerquellen einer Beurteilung, die Folgen einer Falschbeurteilung bzw. einer misslungenen Konfliktlösung sowie die Entwicklungschancen, die sich aus einer zutreffenden Beurteilung und entsprechenden Interventionen zugunsten einer angemessenen Konfliktlösung ergeben, werden praxisnah entwickelt. (...) Das Anliegen der Autoren, "eine Systematik der Familienrechtspsychologie theoretisch zu begründen und praktisch umzusetzen", ist u. E. überzeugend gelungen. Das Buch dürfte sowohl für die Lehre als auch für die Praxis der an familiengerichtlichen Verfahren beteiligten Berufsgruppen hilfreich sein, das eigene Handeln unter psychologischen Gesichtspunkten zu reflektieren und im Interesse der Konfliktbeteiligten zu optimieren."
    socialnet

    "Das Buch richtet sich an alle Berufsgruppen, die an familienrechtlichen Konfliktstörungen beteiligt sind, und kann ohne alle Abstriche allen wärmstens empfohlen werden, um sich über psychologisches Denken zum Familienrecht zu informieren. Systematik, Originalität und Informationsgehalt des Werkes sind ausgesprochen hoch. Das fünfseitige Inhaltsverzeichnis und die Systematik der Darstellungen führen schnell zu den jeweiligen spezifischen Inhalten, so dass der Leser das Werk auch nach seiner ersten Lektüre zum Nachschlagen benutzen kann."
    FamRZ

    Autoreninformation

    Prof. Dr. Harry Dettenborn, Diplom-Psychologe; Universitäts-Prof. i. R; Mitgründer und Vorstandsmitglied des Instituts Gericht & Familie Berlin-Brandenburg; langjährige Sachverständigentätigkeit auf dem Gebiet der Rechtspsychologie

    Dr. Eginhard Walter, lehrt in der rechtspsychologischen Weiterbildung für Psychologen und Sozialpädagogen

    Leseprobe

    2.6.8 Parental Alienation Syndrom (PAS) als Sonderfall und Streitobjekt

    Ein spezielles Thema, in dem sich all diese Probleme fokussieren, ist das Parental Alienation Syndrom (PAS). Es eignet sich zur Vertiefung der Diskussion. Deshalb wird im Folgenden darauf eingegangen.

    2.6.8.1 Definition

    PAS wird nach Gardner (1992) als Ergebnis massiver Manipulation oder „Programmierung“ eines Kindes durch einen Elternteil verstanden. Das Kind spaltet seine Eltern auf. Der geliebte, als gut wahrgenommene Elternteil steht auf der einen Seite, und ihm wendet sich das Kind in schwer nachvollziehbarer und kompromissloser Art zu. Auf der anderen Seite steht der heftig negativ bewertete Elternteil, von dem sich das Kind in ebenso schwer nachvollziehbarer, weil objektiv nicht begründbarer Feindseligkeit abwendet. Sowohl das manipulierende Verhalten eines Elternteils wie das nachfolgende polarisierende Verhalten des Kindes bilden das Syndrom. Die Manipulation durch den betreuenden Elternteil gilt als notwendige, aber nicht hinreichende Voraussetzung für das Verhalten des Kindes. Bestandteil des Prozesses ist, dass ihn das Kind zunehmend mitträgt und selbst Abwertungen und Vorwürfe gegen den abgelehnten Elternteil entwickelt und einbringt.

    Exzessive Konflikte im Trennungsverlauf motivieren den betreuenden Elternteil z.B. aus Rache, Verlustängsten oder falschen Schutztendenzen heraus, das Kind teils unbewusst, teils bewusst so zu beeinflussen, dass es die negative Haltung zum anderen Elternteil übernimmt und diesen ablehnt. Die Zuneigung und Liebe des Kindes werden exklusiv beansprucht. Das Kind modifiziert allmählich seine Bewertungen der Elternteile. Es übernimmt nicht nur die Abwertungen des abwesenden Elternteils, sondern fügt eigene Argumente, Gründe und Beispiele hinzu – je nach sozialkognitivem Entwicklungsstand. Es wird darin bestärkt durch belohnendes Verhalten des betreuenden Elternteils, dessen Freunde und Angehörige. Koalitionen bilden sich.

    Zum intensiv affektbesetzten und kognitiv erstarrten Agieren des manipulierenden Elternteils gehört, dass die Sicht auf den anderen Elternteil unvermindert von Wut und Ärger verstellt und durch einseitige Schuldprojektionen bestimmt bleibt. Somit gelingt auch nicht, mehr Distanz zu den eigenen Bedürfnissen, Verlustängsten und Rachetendenzen zu gewinnen. Die Gefahr, das Kind zu instrumentalisieren und in seiner Entwicklung zu beeinträchtigen, wird nicht erkannt oder hingenommen.

    Als typisch hat Gardner (1992) acht „Kardinalsymptome“ unterschieden:

    • Herabsetzungskampagnen, d.h. der abgelehnte Elternteil wird als bösartig, hinterhältig oder gefährlich verunglimpft.
    • Absurde Rationalisierungen der Vorwürfe, z.B. ist der Vater böse, denn er hat schon früher der Mutter nicht die Tasche getragen. Oder ein Kind kolportiert: „Wir müssen uns einen neuen Papa suchen, der nicht raucht. Das macht krank.“
    • Fehlende Ambivalenz, d.h. es gibt keine Zwischentöne. Alles Gute liegt beim betreuenden Elternteil. Angenehme Erinnerungen an den anderen Elternteil werden nicht zugelassen.
    • Die Betonung der eigenen Meinung wird eingesetzt, um sich selbst und andere zu überzeugen, und sei es, indem stereotyp hinzugefügt wird: „Ich weiß es genau.“
    • Die reflexartige, ungeprüfte Parteinahme für den betreuenden Elternteil („Mama hat sich schon früher mehr um mich gekümmert, und bei Papa gibt’s nur Tütensuppen“).
    • Ausdehnung der Feindseligkeit auf Angehörige des abgelehnten Elternteils, d.h. dessen Mutter oder neue Freundin wird auch verunglimpft.
    • Fehlende Schuldgefühle, d.h. die eigene Feindseligkeit wird gerechtfertigt und schließt nicht aus, dass Geschenke oder Geld gefordert und ihr Ausbleiben heftig beklagt werden.
    • „Geborgte“ Szenarien sind Redewendungen, die von der manipulierenden Person übernommen werden, ohne verstanden worden zu sein („wir halten das nicht mehr aus“, sagt eine Vierjährige, kann aber nicht sagen, was).

    Es müssen nicht alle Symptome vorliegen. Offen is