Katz-Bernstein, Nitza / Subellok, Katja (Hrsg.)

Gruppentherapie mit stotternden Kindern und Jugendlichen

Konzepte für die sprachtherapeutische Praxis


2002. 183 Seiten. 19 Abb. 2 Tab.

(ISBN 978-3-497-01622-8) kt
DOI: 10.2378/9783497016228
€ [D] 19,90 / € [A] 20,50 / SFr 25,30 fPr.
(alle Preise inkl. gesetzlicher MwSt.)

Kurztext

Bisher fehlte es an Konzepten für ambulante Gruppentherapien mit stotternden Kindern und Jugendlichen. Mit diesem Buch wird die Lücke geschlossen, denn es bietet vier erprobte Konzepte für die gruppentherapeutische Arbeit mit stotternden Kindern und Jugendlichen.
Im ersten Teil des Werkes schaffen Nitza Katz-Bernstein und Katja Subellok einen theoretischen und praktischen Rahmen für die Gruppentherapie mit Kindern ab ca. 7 Jahren. Entwicklungspsychologische, sprachtherapeutische und gruppendynamische Aspekte, die für die Gruppenarbeit mit stotternden Kindern relevant sind, werden systematisch dargestellt. Eine praktische Übersicht von Therapiebausteinen, die individuell zusammengestellt werden können, bietet dem Anwender eine Unterstützung bei der Planung, Durchführung und Qualitätssicherung in der Arbeit mit Gruppen.
Im zweiten Teil präsentieren vier Teams aus Deutschland und der Schweiz ihre Konzepte einer ambulanten Gruppentherapie. Selbstbestimmung und Mitverantwortung der Kinder für oder gegen die Anwendung verschiedener Sprechtechniken bildet bei allen Konzepten die grundlegende therapeutische Haltung. Mit dieser Entscheidungsfreiheit soll erreicht werden, dass Kinder sich von dem Zwang befreien, stottern zu müssen oder das Stottern abstellen zu müssen.

Inhalt

Teil 1:
Gruppentherapie versus Einzeltherapie bei stotternden Kindern - entwicklungspsychologische, sprachtherapeutische und gruppendynamische Überlegungen. Therapiebausteine in der Gruppentherapie von redeflussgestörten Kindern und Jugendlichen

Teil 2:
  • Stottern und/oder nicht stottern!? Zum Phänomen der "Ambivalenz" in der Gruppentherapie mit stotternden Grundschulkindern. Das Dortmunder Konzept
  • Kombinierte Einzel- und Gruppentherapie für Jugendliche. Das Züricher Konzept
  • "Stokokö" - Stottern kontrollieren können. Ein Projekt zur Gruppentherapie mit Intensivphasen für stotternde Schulkinder. Das Basler Konzept
  • Handlungsorientierte Stottertherapie (H.O.S.). Konzeption für die Ambulanz und die Schule für Sprachbehinderte. Das Essener Konzept

    Teil 3:
    Anwendungsanleitung für praktizierende Fachkräfte

    Mit Beiträgen von:
    Kerstin Bahrfeck, Marlyse Born, Moya Büttikofer, Jutta Cornelißen-Weghake, Silvia Hardmeier-Hauser †, Yvonne Meixner-Witzinger, Angela Nelde, Rachel Sobol, Gaby Wespisser

    Das vollständige und ausführliche Inhaltsverzeichnis können Sie sich als PDF-Datei herunterladen (mit Adobe Acrobat Reader, neueste Version, zu öffnen).

  • Autoreninformation

    Die Herausgeberinnen

    Prof. Dr. Nitza Katz-Bernstein, Beraterin, Supervisorin, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin (SPV, CH) und Logopädin.

    Dr. Katja Subellok, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Sprachtherapeutin, Weiterbilderin und Supervisorin im Bereich Sprachtherapie sowie Gestalt-Körpertherapeutin.

    Nitza Katz-Bernstein leitet das Zentrum für Beratung und Therapie und zusammen mit Katja Subellok das Sprachtherapeutische Ambulatorium an der Fakultät Rehabilitationswissenschaften der Universität Dortmund.

    Leseprobe

    1.1 Entwicklungspsychologische Überlegungen

    (...)
    Wenn der zehn Jahre alte Bruno brav da sitzt, an den Lippen der Therapeutin hängt, Instruktionen erwartet, was er hier tun soll, dabei unentschlossen bleibt, und bei der Therapeutin vielleicht ein Unbehagen entsteht, weil sie den eigenen Willen und die Initiative von Bruno nicht zu aktivieren vermag, so verharrt Bruno zu Beginn der Therapie in einer Entwicklungsposition des Urvertrauens vs. Urmisstrauens. Er findet die Therapeutin toll oder eben schlecht, erwartet Instruktionen und Animation und übernimmt keinerlei Verantwortung für das Geschehen. Er hat das eigene Vertrauen zur Mitgestaltung und Mitbestimmung der Situation nicht gewinnen, die Mitbestimmung und die kommunikative Eigenwirksamkeit nicht entwickeln können. Die Anpassung und das Sich-lenken-Lassen haben sich als Beziehungsmuster etabliert.

    Es gibt viele stotternde Kinder, die dieses Entwicklungsthema defizitär oder mangelhaft entwickelt haben: Sie haben keine Dialogregeln verinnerlicht, die ihnen Sicherheit und Struktur für die Gestaltung der Kommunikation geben (Katz-Bernstein 1986); sie sind misstrauisch, was das eigene Mitreden und Mitgestalten von Beziehungen betrifft, sie nehmen eigene Impulse nicht wahr und/oder können sie nicht zum Ausdruck bringen. Es kann auch sein, dass sie gelernt haben, für sich zu handeln und zu spielen, aber noch keine Formen des Miteinander-Gestaltens gefunden haben.

    Bei diesen primären Entwicklungsaufgaben soll das Kind dazu gebracht werden, Vertrauen und Zutrauen zu fassen. Dies geschieht mittels eines therapeutischen Prozesses, der dialektisch ist: Einerseits benötigt es Steuerung, Struktur, Dialogregeln, „Turn-taking“, Rituale und Triangulierung innerhalb der noch engen dyadischen Beziehung. Andererseits braucht das Kind eine Unterstützung und Anforderung zur Selbsttätigkeit, eine Unterstellung und Vorwegnahme der Eigenwirksamkeit, das Mitentscheiden und das Wahrnehmen der eigenen Ideen und Impulse, das Lernen, wie man leere Räume gestaltet und Gemeinsamkeiten schafft (Herzka/Reukauf 1995, Katz-Bernstein 2000).

    Bei vielen stotternden Kindern, die in dieser Position verharren, wird die Therapeutin bzw. der Therapeut dazu verführt, Techniken einzuführen, die das Kind in der Stunde mühelos beherrscht, die jedoch außerhalb der Therapie zu keinerlei Fortschritt führen. Die Generalisierung einer neuen Sprechweise kann, je nach Alter, Entwicklungsstand und Persönlichkeit des Kindes, auf zwei Arten geschehen. Im jüngeren Alter kann sie durch Imitation und Übernahme eines Sprechmodells erfolgen. Dies bedeutet, dass das Kind sich anzuvertrauen vermag und sich mit der erwachsenen Person identifizieren kann. In einer später erreichten Weiterentwicklung wird das Kind eine Sprechtechnik erst dann generalisieren, wenn es eine gewisse eigene Steuerung durch eine entsprechende innere Autonomie gewonnen hat.

    In der Therapie bedeutet dies zunächst, bei jüngeren sowie bei älteren Kindern und Jugendlichen durch Akzeptanz, Zuwendung und Attraktivität der Stunden das Vertrauen zu gewinnen. Bei misstrauischen oder resignierten Kindern heißt dies, die Balance zwischen Distanz und Nähe zu gewährleisten, sodass die Therapeutin bzw. der Therapeut nicht als Kontrollinstanz für Leistungen wahrgenommen wird, die zu erbringen dem Kind nicht möglich erscheinen. Ansonsten droht eine angebotene Sprechtechnik spätestens dann über Bord geworfen zu werden, wenn die Eigenwirksamkeit und die eigene Autonomie erprobt werden sollen. Bei strukturarmen polternden Kindern kann in dieser Initialphase der Therapie auf die Therapeutin und den Therapeuten eine mühevolle Arbeit warten, nämlich eine chaotische Struktur so zu verändern, dass eine gewisse Bezogenheit, Grenzen und Formen der gegenseitigen Verbindlichkeit entstehen, ohne jedoch die individuellen Impulse des Kindes dabei durch zu starre eigene Regeln völlig zu überdecken.

    (Auszug aus: Nitza Katz-Bernstein, Katja Subellok (Hrsg.): Gruppen