Interview zum Thema Sterbehilfe und Sterbefasten

Dr. Christian Walther, Autor von "Ausweg am Lebensende"

 

Sterbehilfe ist derzeit ein viel diskutiertes Thema. Sind Sie der Meinung, dass Gesetze den Umgang mit dem Lebensende vollumfassend regeln können? Ist das nötig und wünschenswert? Oder sehen Sie darin sogar Gefahren?

 

Vollumfassend werden Gesetze das nicht können. Was nötig ist, hängt von kriminologischen Gegebenheiten ab. Wieviel man damit ausrichten kann, ist eine andere Frage. So leisten Ärzte in der BRD immer wieder Tötung auf Verlangen, obwohl ihnen dies vom StGB verboten ist. Was wünschenswert ist, bleibt eine Frage der Weltanschauung. Meine Präferenz ist die gesetzliche Regelung in der Schweiz – dort ist Suizidhilfe Ärzten und Gesellschaften erlaubt, Tötung auf Verlangen jedoch nicht.

 

Ein Beispiel für 'aktive' Sterbehilfe ist die Gabe eines todbringenden Medikaments. Während der freiwillige Verzicht auf Essen und Trinken als Beispiel für 'passive' Sterbehilfe eingeordnet werden kann. Wie grenzen Sie die beiden Varianten der aktiven und passiven Sterbehilfe voneinander ab?

 

Wenn der Arzt z. B. ein tödliches Schlafmittel spritzt, ist das nicht legal; wenn dem Patienten eine Infusion gelegt wird für die Injektion (des Schlafmittels) und er selbst diese dann mit Knopfdruck startet, ist das legal – d.h. bisher (bei uns wie in der Schweiz). Einen ethischen Unterschied mache ich da nicht. Wichtiger ist: Unterstützt man jemand, der bewusst durch Sterbefasten sein Leben beendet, dann bedeutet dies nicht Hilfe zum Sterben, sondern Hilfe beim Sterben. Die Begriffe „aktive“ und „passive“ Sterbehilfe sollte man eher vermeiden, weil sie nicht ganz klar sind und unterschiedlich gehandhabt werden.

 

Inwiefern ist der selbstbestimmte Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit eine natürliche Erscheinung im Sterbeprozess?

 

Fasten beim Sterben ist etwas anderes als Fasten um zu sterben. Es ist natürlich, wenn Sterbende nicht mehr essen und trinken wollen; die „Grundsätze der Bundesärztekammer zur ärztlichen Sterbebegleitung“ empfehlen, gegebenenfalls nur noch Hunger- und Durstgefühle zu behandeln. Beim Sterbefasten handelt es sich aber um etwas anderes, nämlich um eine suizidale Entscheidung, die allerdings auf eine Weise vollzogen wird, die uns die Natur dafür anbietet – eben mit dem Essen und Trinken aufzuhören.

 

Ärzte leisten den hippokratischen Eid. Widerspricht es dadurch ihrer Berufsauffassung, den Prozess des Sterbefastens zu begleiten?

 

Es trifft nicht zu, dass Ärzte den Hippokratischen Eid leisten; vermutlich kennen ihn die meisten auch gar nicht (mit der Approbation wird dem frisch gebackenen Arzt meines Wissens lediglich der Text übergeben). Wenn man sich mit diesem Text differenzierend befasst und ggf. Kenner der Antike hinzuzieht, sieht man, dass Ärzte damals diverse Angelegenheiten nicht als ihre Aufgaben ansahen, so vor allem alle chirurgischen Massnahmen. Der Eid sagt nur aus, dass sich der Arzt bestimmter Tätigkeiten enthalten wird, d. h. es handelt sich hier nicht um eine moralische Verurteilung des Suizids. Davon abgesehen kann man einem Arzt, der Sterbefasten begleitet, nicht vorwerfen, Suizidhilfe zu leisten – er erleichtert den Suizid nur (anders, als wenn er z. B. ein Rezept für ein in Überdosis tödlich wirkendes Medikament ausstellt).

 

Welche medizinischen Komplikationen können auf dem Weg eines selbstbestimmten Todes durch freiwilligen Verzicht auf Essen und Trinken auftreten?

 

Da kann schon so einiges passieren, in einem fortgeschrittenen Stadium etwa eine geistige Verwirrung oder auch erhebliche Angst. Kompetente Ärzte können hier gegensteuern. Bislang gibt es dazu noch keine Statistik. Der Tod ist, nach allen vorliegenden Berichten, die ich kenne, stets sehr friedlich. Fazit: Man sollte beim Sterbefasten nicht auf eigene Faust „loslegen“, sondern sich vorab um die Unterstützung eines Arztes bemühen.

 

Sehen Sie die Gefahr, dass durch eine Neuregelung der Gesetze die pflegerische und ärztliche Begleitung des Sterbefastens erschwert oder verhindert wird?

 

Man wird in einem eventuellen Gesetz das Sterbefasten gar nicht erwähnen, u. a. weil es nicht immer ganz leicht von dem zuvor angesprochenen Verzicht auf Essen und Trinken im Sterbeprozess abgrenzbar ist. Außerdem bringt das Thema vor allem kirchliche Kreise in Verlegenheit, besonders bei der Frage, ob Sterbefasten als Suizid zu bewerten ist. Bisher schweigt man da am liebsten, denn eigentlich kann jeder ältere Mensch sein Leben dadurch beenden, egal, ob schwer krank oder im Gefühl, dass das Leben vollendet ist, und diese Möglichkeit wird wohl z. T. als beängstigend empfunden.
Juni 2015 Ernst Reinhardt Verlag. Die Fragen stellten Franziska Rescher und Janina Fahrner.