Let it flow!

Ein Interview mit unserem Autor Georg Thum


Wenn man über das Stottern spricht, weiß jeder sofort, was gemeint ist. Fragt man jedoch näher nach, wissen viele Leute nicht genau, wie sie Stottern erklären sollen. Herr Thum, was ist denn Stottern nun eigentlich genau?

Die Frage hört sich sehr leicht an, es fällt jedoch selbst Fachleuten schwer, eine allgemein gültige Antwort zu finden, da es zahlreiche Definitionen gibt. Zunächst könnten wir hinterfragen, was flüssiges Sprechen ist. Das bedeutet, dass ich einen Gedanken in Worte und Sätze formuliere und ihn ungehindert, glatt und weich, kontinuierlich spreche. Ein paar gedankliche Pausen dürfen dabei vorkommen. Ebenso sollte ich dabei mit möglichst geringem Kraftaufwand und in einer angemessenen Geschwindigkeit und in einem angenehmen Rhythmus sprechen. Diese Idee stammt von Starkweather, der flüssiges Sprechen also mit den Parametern Kontinuität, Kraft, Geschwindigkeit und Rhythmus beschreibt.

Ist einer der vier Faktoren deutlich beeinträchtigt, spricht man von unflüssigem Sprechen. Stottern kann man am besten durch den Kontrollverlust beschreiben. Man möchte etwas formulieren und bleibt dabei in der artikulatorischen Umsetzung an einem Laut hängen. Dies äußert sich durch Blockierungen, Dehnungen oder Teilwortwiederholungen. Als Folgereaktion können körperliche Anspannungen oder Atemauffälligkeiten beobachtet werden. Mit erhöhtem Sprechdruck (bemerkbar durch Mitbewegungen) oder forcierter Atmung wird dabei gegen den Kontrollverlust angekämpft. Ebenso können in Folge negativer Sprecherfahrungen Ängste oder Schamgefühle auftreten. Diese Reaktion auf das Stottern wird leider immer wieder fälschlicherweise mit der Ursache verwechselt.


Wie viele Menschen leiden in Deutschland an dieser Sprachstörung und wen betrifft dieses Problem vor allem?

Weltweit ist 1% der Bevölkerung von Stottern betroffen und zwar kulturunabhängig. In Deutschland betrifft es also mehr als 800.000 Menschen. Im Erwachsenenalter sind im Verhältnis 5:1 mehr Männer als Frauen betroffen. Im Übrigen handelt es sich nicht um eine Sprach-, sondern um eine Sprechstörung. Nicht die Sprache ist gestört, sondern der Sprechakt.


In welchen Fällen ist für stotternde Menschen eine Therapie angezeigt? Gibt es auch Fälle, in denen sich die Sprachstörung von „ganz alleine“ wieder legt?

Im Alter von 3 bis 6 Jahren stottern etwa 5% aller Kinder. Von dieser Gruppe remittieren ca. 80% der Kinder, d.h. das Stottern geht komplett zurück, meist in einem Zeitraum von bis zu 6 Monaten, teilweise auch bis zu 12 Monaten. Leider kursiert noch immer das Wort der sogenannten „Entwicklungsunflüssigkeit“. Selbst medizinisches Personal ist mitunter der Annahme, dass viele Kinder eine entwicklungsbedingte, unflüssige Sprechphase erleben und man einfach abwarten könnte. Das ist falsch und oftmals auch fatal, da wir wissen, dass eine frühzeitige Behandlung Stottern heilen kann. Im beginnenden Schulalter schließt sich dieses Fenster. Stottern gilt dann nicht mehr als heilbar, jedoch als gut behandelbar. Eine Therapie ist immer dann angezeigt, wenn entweder die Eltern und/oder das Kind besorgt sind und Reaktionen auf das Stottern zeigen und/oder die Symptomatik deutlich sichtbar ist. Da, wie oben erwähnt, das eigentliche Stottern oftmals Begleiterscheinungen mit sich bringen kann, sollte nicht zu lange abgewartet werden, insbesondere, wenn eine psychische Belastung durch das Stottern erkennbar ist. Im Zweifel ist es anzuraten, eine Fachfrau bzw. einen Fachmann zu Rate zu ziehen.


Herr Thum, Sie haben zusammen mit Ihrer Kollegin Ingeborg Mayer das Therapiekonzept „Stärker als Stottern“ entwickelt. Was ist das Besondere dieses Konzepts?

Zunächst muss ich sagen, dass wir das Rad nicht neu erfunden haben. Unser Konzept basiert auf der Kombination der beiden wichtigsten Ansätze: Zum einen Fluency Shaping. Das sind Techniken, mit denen das Sprechen verflüssigt werden soll. Beim Modifikations- oder auch Nicht-Vermeidungs-Ansatz  geht es hauptsächlich darum, das Stottern zu verändern und es leichter zu gestalten. Die zahlreichen Techniken und Anwendungsmöglichkeiten haben wir wortsinnig begreifbar gemacht, in Form eines Werkzeugkoffers. Darin befinden sich Gegenstände wie z.B. ein Fell für das weiche Sprechen oder ein Gymnastikband für den Pull-Out, also das Herausziehen und Lösen einer Blockade. Den Kindern möchten wir damit einen didaktisch kindgerechten Umgang mit den komplexen Techniken anbieten. Unser Therapieziel ist es, dass die Kinder die zahlreichen Techniken situativ anwenden lernen.

Ein weiteres Therapieelement stellt die Behandlung der psychosozialen Begleitsymptome dar. Kindern und Jugendlichen, die sich aufgrund ihres Stotterns zurückziehen, Ängste und Schamgefühle entwickeln, müssen auch in diesem Bereich therapeutische Angebote unterbreitet werden.

Kinder können also stärker als ihr Stottern werden, indem sie mithilfe von Techniken flüssiger sprechen. Ebenso werden sie stärker als ihr Stottern, indem sie ihr Stottern besser akzeptieren und einen besseren Umgang erlernen. Der Stärker-als-Stottern-Ansatz ist methodisch offen, d.h. dass sich der Ansatz an den Bedürfnissen des Kindes orientiert und nicht andersherum.


Gibt es etwas, was Sie den Betroffenen anlässlich des „Welttag des Stotterns“ mit auf den Weg geben möchten?

Man kann allen Betroffenen und deren Angehörigen nur empfehlen, sich an die großartige Selbsthilfeorganisation Bundesvereinigung Stottern und Selbsthilfe e.V. (BVSS) zu wenden (www.bvss.de). Das ist eine unabhängige und starke Selbsthilfeorganisation, die in den letzten Jahrzenten in punkto Aufklärung, Forschung und Bereitstellung von Materialien (Flyer, Broschüren, Downloads, youtube-Kanäle etc.) Licht ins Dunkel bringt und Orientierung gibt. Die BVSS bietet Seminare und zahlreiche Selbsthilfegruppen an. Neu ist beispielsweise das Netzwerk für Eltern stotternder Kinder sowie eine junge Gruppe „Flow“, deren Teilnehmer zwischen 16 und 29 Jahre sind. Mein Rat lautet also nicht nur an das junge Klientel: let it flow!